Barrierefreies Hören

Einzelhaft mit Blickkontakt

Der moderne Mensch hat einen weiten Weg hinter sich. Von den Steppen Afrikas trat er vermutlich vor rund 200.000 Jahren seinen Siegeszug an – als einziger Überlebender der Gattung Homo. Die „neolithische Revolution“ vor ca. 10.000 Jahren schließlich stellte die Weichen für die Entwicklung von komplexen Gesellschaften.
Der Homo sapiens, der weise und einsichtsfähige Mensch, wurde sesshaft, betrieb Ackerbau und Viehzucht. Hochkulturen entstehen, geprägt durch die Entwicklung von Städten und sozialen Systemen.
In Abhängigkeit zu den vielschichtigen Strukturen entwickeln sich die Fähigkeiten des Menschen, Reize wahr zu nehmen. Die Sinnesorgane, darunter das Ohr, differenzieren sich. Diente es ursprünglich zur Feststellung der Lage im Raum und der Wahrnehmung von Drehbewegungen, verlagert es seinen funktionalen Schwerpunkt zunehmend in Richtung Schallwahrnehmung. Denn mit Hilfe der Schallwellen kann der Mensch Signale aus größerer Entfernung wahrnehmen. Entwicklungsgeschichtlich eine wichtige Eigenschaft.
Was aber, wenn Schallwellen, beispielsweise durch Umgebungslärm, das Verstehen von Signalen erschweren?
In dem Bedürfnis zu kommunizieren unterscheidet sich der moderne Mensch nicht von dem der Urzeit. Denn erst im zwischenmenschlichen Austausch wird sich der Mensch seiner selbst bewusst. Für das Verstehen von Sprache aber braucht es die Fähigkeit, akustische Signale wahrzunehmen.
Nehmen wir beispielsweise das Ehepaar Schmidt. Sigrun zählt 66 Lenze und Holger ist 68 Jahre „alt“. Beide sind Vertreter der Generation 65plus, einer zunehmend größer werdenden Gruppe unserer Bevölkerung- den sogenannten „jungen Alten“. Sie sind aktiv und verfügen aus Sicht der Marketing-Experten über ein relativ hohes verfügbares Einkommen.
Ihr wahrer Wert jedoch liegt jenseits der Kaufkraft. Herr und Frau Schmidt sind wichtig, weil sie als Vertreter einer alternden Gesellschaft der jungen Generation definierte Rollen, Werte und Normen vermitteln können.
Dazu aber bedarf es der uneingeschränkten Fähigkeit zur Kommunikation. Und auch in diesem Punkt sind Herr und Frau Schmidt typische Vertreter ihrer Generation. Sie hören zunehmend schlechter. Diese altersbedingte Hörminderung führt zu einem reduzierten Verstehen von Sprache. Vor allem im hohen Frequenzbereich, dem der Konsonanten. Diese aber sind die wesentlichsten Träger von Informationen.
Stellen Sie sich nun unser Ehepaar in einer modernen Großstadt vor. Autokolonnen schieben sich vorbei, die Straßenbahn klingelt und aus der Kneipe an der Ecke schallt Musik auf die Straße. All das führt dazu, dass sprachliche Signale zusätzlich durch Umgebungslärm überlagert werden.
Nicht minder dramatisch wäre die Situation übrigens in einer Seniorenresidenz, die Defizite in der Raumakustik aufweist. Denn Sprachverstehen ist nicht möglich sobald der Beitrag des Raumes durch einen hohen Hintergrundgeräuschpegel zu massiv wird.
In diesem Fall verengen sich Aktionsradius und Wahrnehmung zur sogenannten „Einzelhaft mit Blickkontakt“.
Unabhängig davon, an welchem der beiden Standorte sich unsere Protagonisten befinden, die Folgen sind dramatisch. Weil Herr und Frau Schmidt nicht richtig hören können, werden sie zunehmend unsicher. Die Unsicherheit aber erhöht die Sturzgefahr. Defizitäres Richtungshören beeinträchtigt zusätzlich die Orientierung der beiden.
Aber, und wieder handelt das Ehepaar Schmidt stellvertretend für seine Generation, sie geben es nicht gern zu. Denn Behinderungen, gleich welcher Art, werden stigmatisiert.
Es gilt daher, zwei zentrale Fragen zu beantworten:
Wie können wir die Gesellschaft bewegen, Verständnis für die Belange älter werdender Menschen zu entwickeln?
Wie können wir das Ehepaar Schmidt davon überzeugen, dass sich ihre Lebensqualität durch frühzeitige Diagnostik und entsprechende Versorgung durch einen HNO-Arzt außerordentlich erhöht?
Im Rahmen der Umsetzung des Bund-Länder- Programms „Soziale Stadt“ müssen kommunalpolitische Bemühungen zur Nivellierung von Benachteiligungen wieder in den Vordergrund rücken. Die Entwicklung des Sozialraumes Stadt ist an dieser Stelle von entscheidender Bedeutung.
Im Bereich der Hörschädigungen basiert sie auf der Vermeidung einer akustisch reizüberflutenden Umgebung. Sensible raumakustische Konzepte setzen auf Minimierung langer Nachhallzeiten und Echophänomene. Es gilt, mit Nachdruck die Umsetzung einer Raumakustikplanung im Sinne der barrierefreien Kommunikation einzufordern.
Was das Ehepaar Schmidt betrifft, so sind in diesem Punkt einmal mehr die Stärken des Menschen gefordert. Nämlich die bewusste Entscheidung, die Einsicht und Weisheit.
Aufklärungsarbeit ist dabei von grundlegender Bedeutung. Herr und Frau Schmidt müssen wissen, dass Schwerhörigkeit durch die Qualität der raumakustischen Bedingungen beeinflusst wird und nicht allein ein Problem der Kommunikation ist. Denn in der Folge entwickelt es sich nicht selten auch zu einem kognitiven. Wer sich nicht mitteilen kann, wird einsam. Und wer keine Ansprache hat, verkümmert.
Deutlich mehr als die Hälfte der 65 – 85-jährigen jedoch fühlen sich 10 Jahre jünger als sie sind. Das hat die „Altersstudie der Generali Versicherung“ aus dem Jahr 2013 ergeben.
Der Einsatz moderner Hörtechnik wie Hörgeräte oder Hörimplantate kann entscheidend dazu beitragen, dass die Generation 65plus fit bleibt wie selten eine Generation zuvor!